„Wir haben noch Nord Stream 2“ – Putin zündet die nächste Stufe seines Gas-Kriegs gegen Deutschland

Russlands Präsident hat klargemacht, dass er Europas selbst verschuldete Gas-Abhängigkeit radikal ausnutzen wird. Putin droht, den ohnehin geringen Gas-Strom durch Nord Stream 1 Ende Juli nochmals zu halbieren – und bringt plötzlich Nord Stream 2 ins Spiel.

Seit Wochen blickt Deutschland sorgenvoll nach Osten. Denn die viertgrößte Wirtschaftsmacht der Erde hat sich über Jahre in eine fatale Abhängigkeit von Russland bei seiner Erdgas-Versorgung begeben. Die Bundesregierung weiß: Wladimir Putin hat Europa und speziell Deutschland in der Hand. Nun beginnt der russische Präsident, seine Gas-Macht radikal auszuspielen.

Am Dienstagabend sagte er erst etwas Beruhigendes. Der russische Gaskonzern Gazprom werde seine Verpflichtungen „in vollem Umfang“ erfüllen. Doch fast im selben Atemzug warnte er Europa vor einem weiteren Absenken der russischen Gaslieferungen durch die Ostsee-Pipeline Nord Stream 1. Und dann deutete er auch noch an, dass er womöglich versuchen wird, Europa und Deutschland zum Betrieb der als Reaktion auf den Ukraine-Krieg auf Eis gelegten Pipeline Nord Stream 2 zu drängen.

Putin äußerte sich in der Nacht zum Mittwoch am Rande eines Spitzentreffens mit dem iranischen Präsidenten Ebrahim Raisi und dem türkischen Staatschef Recep Tayyip Erdogan in Teheran. Die tägliche Durchlasskapazität von Nord Stream 1 könne nochmals deutlich fallen, sollte Russland eine in Kanada reparierte Turbine für die Pipeline 1 nicht zurückerhalten, betonte er da – und schob nach: „Wir haben noch eine fertige Trasse – das ist Nord Stream 2. Die können wir in Betrieb nehmen“.

Ohne die Turbine drohe Ende Juli wegen der notwendigen Reparatur eines „weiteren Aggregats“ die tägliche Durchlasskapazität auf 33 Millionen Kubikmeter pro Tag zu sinken. Das wäre ziemlich exakt noch die Hälfte der 67 Millionen Kubikmeter, auf die Russland die Kapazität seit Juni schon reduziert hat.

Und es wäre nur noch ein Fünftel der Maximalkapazität der Pipeline von rund 150 Millionen Kubikmeter pro Tag. Die Pipeline Nord Stream 1 – die wichtigste Gasleitung von Russland nach Deutschland – wurde 2011 in Betrieb genommen. Derzeit ist die mehr als 1200 Kilometer lange Pipeline zudem wegen alljährlicher Wartungsarbeiten völlig stillgelegt.

Laut Plan gehen die Arbeiten bis Donnerstag. Ob und in welchem Umfang sie dann wieder hochgefahren wird, ist seit Tagen Gegenstand von Spekulationen in Deutschland und Europa. Eine Schlüsselrolle kam dabei der in Kanada reparierten Siemens-Turbine zu.

Sie wurde wegen der westlichen Sanktionen infolge des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine lange von der Regierung in Ottawa zurückgehalten. Die Ukraine drang darauf, die Turbine nicht zu liefern. Aber im Westen wuchs die Sorge, Putin könnte die nicht gelieferte Turbine zum Anlass nehmen, seine Gaslieferungen noch weiter zu drosseln.

Vor allem das von russischem Gas so existenziell abhängige Deutschland setzte durch, dass die Turbine mit Sondergenehmigung an die Bundesrepublik geliefert wird, um sie dann in die Ostsee-Pipeline einzubauen. Nach Auffassung der Bundesregierung ist die Lieferung der Turbine von den EU-Sanktionen gegen Russland ausgenommen, weil diese sich nicht gegen den Gastransit richteten.

Aus Moskau hieß es, bis jetzt seien weder die Turbine noch die dazugehörigen Dokumente eingetroffen. Außerdem bleibt fraglich, ob Wladimir Putin auch bei Einbau der Turbine nicht eine neue Begründung für ein Absenken der Gaslieferungen findet – und erneut zeigen würde, dass die Bundesregierung mit ihren Versuchen, konstruktiv mit dem Kreml umzugehen, ausmanövriert wird.

Putins Äußerungen in Teheran lassen jedenfalls darauf schließen, dass auch nach Ende der Wartungsarbeiten und selbst bei Einbau der Turbine die Pipeline möglicherweise nicht wieder auf volle Leistung hochgefahren würde. Der Hinweis auf Nord Stream ließ außerdem besonders aufhorchen.

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