Es gibt keine Freundschaft mehr zwischen unseren Völkern: Eine Kolumne von Witalij Sytsch

Statt die Ukraine zu “entnazifizieren”, habe Putin das Land entrussifiziert, schreibt unser ukrainischer Kolumnist. Straßen werden anders heißen, Denkmäler verschwinden.

Gestern bin ich erstmals nach 65 Tagen aus Lwiw herausgekommen. Ich wollte einen Freund in seinem Haus im Grünen zum Abendessen besuchen, gemeinsam mit vier Männern aus Lwiw, Kiew und Dnipro, deren Frauen und Kinder im Ausland sind, so wie meine. Natürlich verdarb uns Putin den Abend. In dem Moment, als wir am Tisch Platz genommen hatten, hörten wir eine Explosion. Die Wände des Hauses bebten. Dann hörten wir noch eine Explosion. Wir eilten nach draußen und sahen einige Kilometer entfernt schwarze Rauchsäulen in den Himmel aufsteigen.

Alle Telefone am Tisch klingelten. Unsere Familien und Freunde hatten die Nachrichten gelesen und fragten, ob wir getroffen worden waren. Fünf russische Raketen waren in Lwiw eingeschlagen, insgesamt 18 trafen an diesem Abend Ziele in der Ukraine, in Dnipro, Winnyzja, Kirowohrad und Odessa. Später lasen wir, dass die Russen die Raketen vom Kaspischen Meer aus abgefeuert hatten, um Eisenbahnlinien in der gesamten Ukraine zu treffen und den Nachschub westlicher Waffen an die Frontlinie zu unterbrechen.

Wir beschlossen, dass Putin vielleicht die Gleise der Eisenbahn für eine Weile unterbrechen kann, nicht aber unser Abendessen. Wir genossen es, so gut wir konnten.

Zu diesem Zeitpunkt hatte ich bereits ein Bahnticket gekauft. Ich will meine Heimatstadt Kiew besuchen, die ich mit meiner Familie am 24. Februar während einer langen, anstrengenden Flucht verlassen hatte. Ich bin gespannt, zu sehen, wie sich die Stadt verändert hat. Und ich möchte einige meiner Kollegen treffen, die dortgeblieben sind.

Außerdem möchte ich die Schäden an meinem Sommerhaus nördlich von Kiew begutachten, das die Russen vor einigen Tagen ausgeraubt haben. Ein Problem an meinem Plan ist, dass die Russen Minen und Fallen hinterlassen haben, nachdem sie insgesamt 250 Häuser im Ort geplündert hatten. Wir Bewohner mussten plötzlich feststellen, dass es keine privaten Minenräumer gibt. Man muss einen Antrag beim Militär stellen und dort ist man seit dem Abzug der Russen mit der Arbeit rund um Kiew überfordert.

Ich habe also kurz überlegt, wen ich zuerst ins Haus lassen soll. Spaß beiseite, ich werde natürlich selbst gehen und vorsichtig sein. Ich bin auf eine Verwüstung vorbereitet und hoffe nur, dass ich keine menschlichen Exkremente zu Gesicht bekomme – ein Markenzeichen der russischen Armee. Meine Nachbarn hatten solche Exkremente mitten in ihrem Wohnzimmer entdeckt, nachdem die Invasoren erst ihren VW-Golf zerstört und später alles mitgenommen hatten, was sie tragen konnten.

Was meine Angst weiter befeuert, ist, dass das russische Militär zunehmend die Eisenbahn ins Visier nimmt, um die Fähigkeiten der Ukraine zu untergraben, Treibstoff und Waffen an die Front zu liefern. Ich fahre mit dem Zug nach Kiew. Und das kurz vor einem Tag, der so wichtig ist für die russische Propaganda.

Der 9. Mai ist für den russischen Präsidenten ein symbolträchtiges Datum. Putin steht unter dem Druck, während der Parade auf dem Roten Platz die Ergebnisse seiner Militäraktion in der Ukraine zu präsentieren. Diese sind größtenteils demütigend für ihn: ein militärisches Scheitern und ein Rückzug der Truppen aus der Umgebung von Kiew und der Zentralukraine, schwere Verluste an Personal und militärischem Gerät – nach Angaben des ukrainischen Verteidigungsministeriums etwa 25.000 Menschen und mehr als 1.000 Panzer. Das ist viel mehr, als die Sowjetunion während des zehnjährigen Krieges in Afghanistan verloren hat.

Im Osten der Ukraine gab es kleinere Vorstöße der russischen Armee und eine 70-tägige Belagerung von Mariupol, das immer noch nicht aufgegeben hat. Hinzu kommt ein gesunkenes Flaggschiff der Schwarzmeerflotte. Das sind keine Siegesmeldungen, die die von der Propaganda überhitzte russische Öffentlichkeit am 9. Mai von Putin erwartet. Was er also an diesem Tag ankündigen könnte, ist die Mobilisierung von Hunderttausenden Russen, “gegen Amerika und die Nato”. Es wäre ein Eingeständnis, dass er mehr Truppen braucht, um die deutlich kleinere Ukraine zu bekämpfen. Auch das ist demütigend für Putin und explosiv für das chauvinistische russische öffentliche Bewusstsein. Sollte er die Mobilisierung tatsächlich ankündigen, stehen uns allen Monate, wenn nicht Jahre dieses Albtraums bevor.

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